Gründe für die Diagnostik
Erwachsene erkennen sich häufig selbst in Beschreibungen von Neurodivergenz wieder, bemerken ihre neurodivergenten Merkmale während der Diagnostik ihrer Kinder oder werden von Anderen darauf angesprochen. Eine klinische Diagnostik kann Klarheit darüber schaffen, ob man wirklich betroffen ist oder nicht, kann aber bei Erwachsenen auch ein langwieriger und mühseliger Prozess sein.
Es gibt verschiedene Anlässe eine Diagnostik in z.B. ADHS oder Autismus anzustreben.
vielleicht bist du in der Kindheit oft angeeckt oder hast dich anders gefühlt
vielleicht bist du nach einem langen Leidensweg und verschiedenen (Fehl-)Diagnosen erschöpft
vielleicht ist im Bezug auf deine Kinder ein Verdacht geäussert worden, der auch auf dich zutreffen könnte
Meistens steht aber der Wunsch im Vordergrund, sich selber besser verstehen zu können. Viele Menschen erleben es als entlastend, zu einer Gruppe dazuzugehören und sagen zu können:
Ich bin nicht falsch. Ich nehme anders wahr.
Neue Forschung
Die wissenschaftliche Forschung hat im Bereich der Neurodivergenz in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse gewonnen. Leider entsteht dadurch eine Lücke zwischen Theorie und Praxis: Nicht alle Fachkräfte sind auf dem neuesten Wissensstand.
Das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass der/die Betroffene selbst mehr weiß, als die Fachkraft, was oft Frust und Verunsicherung auslöst. Für Erwachsene ist es daher besonders wichtig, sich für die Diagnostik an auf Erwachsene spezialisierte Stellen zu wenden und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn der Hausarzt eine „Modediagnose“ attestiert oder den eigenen Verdacht aufgrund von veraltetem Wissen nicht ernst nimmt.
Erschöpfung durch Masking
Einige neurodivergente Menschen (namentlich Frauen) können ihre Schwierigkeiten so gut verbergen, dass sie Anderen kaum oder gar nicht auffallen. Für diese Strategie hat sich der Begriff Masking etabliert. Masking ist ein (unbewusster) Schutzmechanismus, der für die meisten neurodivergenten Menschen sehr anstrengend ist. Masking ist aber auch eine häufige Ursache für Teil- oder Fehldiagnosen. Das Problem: Die Schutzstrategie, das sich-Anpassen ist bei vielen Erwachsenen bereits so tief verinnerlicht, dass sie es selber gar nicht mehr als Strategie wahrnehmen. Das führt dazu, dass die neurodivergenten Merkmale nicht mehr, oder nur noch zum Teil auffallen. Eine häufige Folge sind (Fehl-)Diagnosen wie Depressionen, Bipolare Störung, Angst-, Zwangs- oder Essstörungen, Traumafolgestörungen wie (k)PTBS, Anpassungsstörung oder Persönlichkeitsstörungen wie Borderline.
Manche neurodivergente Menschen verlieren ihre Fähigkeit, ihre Schwierigkeiten zu verbergen, wenn sich ihre Lebensumstände ändern, also zum Beispiel beim Übertritt von Ausbildung ins Berufsleben, Umzug, Jobwechsel, Verpartnerung oder Trennung oder bei starken hormonellen Veränderungen wie zum Beispiel Schwangerschaft oder (Peri)Menopause bei Frauen.
Selbstdiagnose
Studien aus dem englischsprachigen Raum zeigen, dass bei Erwachsenen die sogenannte Selbstdiagnose von Autismus, also sich selbst als autistisch zu identifizieren, eine hohe Treffsicherheit hat (McDonald, 2020; Ahuvia, Gurbuz, Cuda et al., 2026). Viele Menschen möchten oder brauchen aber trotzdem eine klinische Diagnose, zum Beispiel für Medikation, das Beantragen eines Grades der Behinderung, finanzielle Unterstützung usw.
Kinder und Jugendliche
Bei Kindern und Jugendlichen vermutet man Neurodivergenz meistens, weil sie sich nicht ihrem Alter entsprechend entwickeln oder Schwierigkeiten in der Schule haben.
Sprachliche, körperliche und psychische Entwicklung können bei Neurodivergenz in einem untypischen Tempo ablaufen: Es gibt zum Beispiel neurodivergente Kinder, die erst sehr spät sprechen lernen, aber auch solche, die für ihr Alter einen überraschenden Wortschatz haben und sich in komplexen Sätzen ausdrücken. Genauso kann es sein, dass neurodivergente Kinder das Krabbeln überspringen, erst sehr spät laufen lernen oder Schwierigkeiten mit der Grob- und/oder Feinmotorik (Steuern und Durchführen von Bewegungen) haben. Das Spektrum umfasst aber auch Kinder, die körperlerich außerordentlich geschickt und gelenkig sind.
Kommt der Verdacht nach der Einschulung auf, sind meistens Konzentrations-, Aufmerksamkeits-, Schreib-, Lese- oder Rechenfähigkeiten des Kindes auffällig. Die Anforderungen in der Schule werden mit jedem Schuljahr umfangreicher und es ist sehr individuell, in welchem Alter die Fähigkeiten von Kindern oder Jugendlichen nicht mehr ausreichen, um ihre Schwierigkeiten zu verbergen oder auszugleichen.
Neurodivergente Kinder können zum Beispiel Schwierigkeiten damit haben, Arbeitsaufträge selbständig zu lösen, die ganze Schulstunde lang still sitzen zu bleiben, fehlerfrei zu schreiben, zusammenhängende Texte zu produzieren, sinnerfassend zu lesen, ohne die Hilfe ihrer Finger zu rechnen, sich Zahlenräume vorzustellen usw. Bei manchen Kindern kann also schon in der Grundschule auffallen, dass sie sich schwer tun, bei anderen erst mit beginnender Pubertät, Schulwechsel oder einem ähnlich großen Einschnitt in den gewohnten Alltag.
Auch hochbegabte Kinder und Jugendliche sind häufig neurodivergent und können in der Schule auffällig werden. Sie können inhaltlich unterfordert sein, wodurch zum Beispiel ihr Verhalten auffällig werden kann oder sie können sich sozial schwertun, im Klassenverband Freunde zu finden. Manche sind in der Schule auch stark angepasst und können ihre Schwierigkeiten gut verbergen, sind aber davon so angestrengt, dass sie Zuhause oder in ihrer Freizeit auffällig werden, zum Beispiel durch Rückentwicklung wie Bettnässen, Wutausbrüche, Aggressionen oder Selbstverletzung, krankhaftes Essverhalten, Ängste, Zwänge oder Depressionen.