Anders sein

Ich war anders.

Immer.

Ich hatte aber nie das Gefühl, falsch zu sein.

Ich war nur anders.

Ich gehörte nicht hierhin, nicht dorthin.

Das war nicht schlimm, nur ein wenig unangenehm.

Anders gesagt:

Auch in meinem Anderssein war ich irgendwie anders.

Ich stand dazwischen, das war mein Lebensgefühl über viele Jahrzehnte.

Ich habe mich selbst nicht verstanden.

Warum ich Situationen und Menschen in Sekundenbruchteilen einschätzen konnte — und trotzdem oft nicht wusste, wie ich auf sie zugehen sollte.

Ich dachte in Bildern, dreidimensional, konnte in Szenarien hineingehen.

Dass das nicht alle so erleben, erfuhr ich erst mit sechzig.

Bin trotzdem gut durchs Leben gekommen.

Ich war immer sehr schnell in vielen Dingen, manchmal zu schnell.

Im Vikariat sagte mir ein Kollege offen: „Dein Tempo macht mir Angst.“

Meine Auffassungsgabe, mein Tempo — ich hatte nie reflektiert, wie das bei anderen ankam.

Ich kann Situationen einerseits lesen, andererseits in ihnen verstummen.

Lange habe ich in einem Umfeld mitgemacht, das für mich nicht stimmig war.

Nach außen habe ich funktioniert, innerlich geschwiegen.

Aus dem Gefühl heraus: Hier kannst du nicht sagen, wer du bist.

Als das vorbei war, schrieb ich: „Ich konnte endlich tief und frei Luft holen.“

Das Schweigen kenne ich bis heute, wenn der Overload zu groß wird.

Zu viel auf einmal — dann schalte ich ab.

Beruflich gab es immer neue Herausforderungen.

Ich lernte sehr unterschiedliche Menschen kennen.

Ich habe eine Frau, mit der ich seit mehr als vierzig Jahren im Gespräch bin — morgens beim Kaffee, auf Spaziergängen, über Bücher und Ideen.

Und Kinder, an denen ich manches gelernt habe, was ich über mich selbst noch nicht wusste.

Ich erfreue mich an Sport und Reisen, gerne kombiniert.

Ziemlich normal, mein Leben, äußerlich gesehen.

Corona hat vieles durcheinander gebracht.

Vor vier Jahren habe ich mich daher auf eine Reise begeben.

Neue Stelle, neues Umfeld.

Neurodiversität, das Wort löste Resonanz aus.

Ich fing an zu fragen und zu graben.

Ich fand Antworten, nach und nach.

ADHS, nein, eher Hochsensibilität.

Und seit ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine offizielle Diagnose:

Hochbegabung, über IQ 130.

Auf meiner Reise fand ich Erklärungen für Verhaltensweisen, die mir erst jetzt zugänglich wurden.

Vielleicht konnte ich sie aus Angst und Unsicherheit auch nicht zulassen.

Heute habe ich das Gefühl, mich in der Welt offener und selbst-bewusster zeigen zu können.

Mein Anderssein wird anders.

Matthias